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Zur Kritik an Apps4DE von Lorenz Matzat

Lorenz hat vor ein paar Tagen drüben beim Freitag eine sehr fundamentale Kritik am Wettbewerb Apps4Deutschland geäussert, auf die ich gerne eingehen würde.

Lorenz’ Kritik ist aus meiner Sicht an einigen Stellen sehr treffend. So mahnt er eine langfristige Förderstrategie an, die tatsächlich mehr als überfällig ist. Und auch dem Punkt, dass es bei dem Wettbewerb nicht auf Nachhaltigkeit der Projekte wert gelegt wird, kann ich auch nur voll und ganz zustimmen. Was Lorenz nicht erwähnt, hat denn auch eher damit zu tun, dass er die Realität der deutschen Verwaltung etwas aus dem Blick verliert und das Ziel, dort für Veränderung zu sorgen.

Wer sich in dem Umfeld umtut und viel mit Verwaltung auf allen Ebenen zu tun hat, stellt schnell fest, dass die Mehrheit der Akteure durchaus bemüht ist. Nun ist aber die Aufgabe der Verwaltung … das Verwalten. Das heisst, sie hat in erster Linie Aufgaben im Rahmen des Gemeinwohls zu erfüllen und darf nicht selbst politisch tätig werden. Ein nachgeordneter Mitarbeiter wird einen Teufel tun, sich über Anweisungen und aktuelle Rechtsvorschriften hinweg zu setzen, auch wenn er vielleicht prinzipiell keine Probleme hätte, offene Daten aus seinem Bereich bereit zu stellen. Und selbst wenn es die Bereitschaft einzelner Führungsebenen gibt, sich des Themas ernsthaft anzunehmen, so muss an vielen Stellen ein Kulturwandel stattfinden, der sich leider nur schwer von oben verordnen lässt.

Auf der anderen Seiten haben wir es in Deutschland mit einer Verwaltungslandschaft zu tun, deren schnöde Zahlen einem einen gewissen Respekt abnötigt. Und anders als in den USA hat der Organisationsgrad deutscher Verwaltungen eine vollkommen andere Dimensionen. So gibt es ca. 11.000 Gemeinden, dazu unzählige Ministerien und andere Behörden auf Bundes- und Landesebene, mit IT-Landschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dazu gibt es Rechts- und Verwaltungsvorschriften, die alles andere als harmonisch zueinander sind. Will man hier ansetzen will, geht es um die sprichwörtlichen dicken Bretter. Open Data verlangt andere Prozesse und Vorschriften als jetzt existieren. Damit ist der Ball also tatsächlich im Feld des BMI und der Innenministerien der Länder.

In einer idealen Welt würde man wohl erwarten, dass dann dort ein Plan gemacht wird, wie Open Data genau zu funktionieren hat. Es gäbe Standards, die im besten Falle mindestens auf EU-Ebene abgesprochen wären und eine Ausstattung der Handelnden, die die Umsetzung ermöglicht. Wir leben aber in keiner idealen Welt. Es ist also nötig, trotz der Probleme gangbare Wege zu beschreiten. Doch wie können diese Weg aussehen?

Als die Bundesregierung auf dem IT-Gipfel in Dresden einen Weg in eine Open Data-Strategie vorstellte, waren viele Leute skeptisch - und zwar vollkommen zurecht. Es wurde eine Person bestellt, die mit einem Mitarbeiter das Thema zwei Jahre lang bearbeiten soll und am Ende einen Weg aufzeigen, wie das alles funktionieren kann. Mittlerweile ist dort mehr Realismus eingekehrt, und am Ende wird wohl vor allem erst einmal ein Datenkatalog stehen. Echte Strategien sehen anders aus, auch wenn ich persönlich froh bin, dass es diesen Realismus mittlerweile gibt. Grund dafür ist vermutlich nicht zuletzt, dass es eine Menge von Problemen gibt, die sich nicht sofort erschliessen, vor allem nicht, wenn man kein ITler ist und sich mit dem Thema nur am Rande beschäftigt hat. Es hilft aber nichts, darüber zu sinieren und zu warten, bis es die Lösung(TM) gibt, sondern es müssen wohl etwas kleinere Brötchen gebacken werden.

App-Wettbewerbe sind ein Beispiel für diese kleineren Brötchen. Nach dem, was ich konkret aus der einen oder anderen Verwaltung mitbekommen habe, ist das eine der Möglichkeiten, intern das Thema zu adressieren, verwaltungsinterne Prozesse entsprechend anzupassen und überhaupt mal zu gucken, welche Daten sich ohne übermäßigen Aufwand bereitstellen (heissst: bezogen auf Änderung von Prozessen und Vorschriften) und langfristig aktualisieren lassen. Auch wenn dies vielen Open Data-Aktivisten nicht weit genug geht, ist das ein Schritt, der ohnehin nötig ist. Wenn in dem Kontext ein Wettbewerb helfen kann, finde ich das eher gut als schlecht, aber das entbindet die Innenministerien natürlich trotzdem nicht von ihrer Pflicht für eine langfristige Strategie. Aber wer sich mit komplexen IT-Projekten beschäftigt, der wird sich leicht vorstellen können, dass eine reelle Chance besteht, in wirklich großem Maßstab zu verpeilen und sich von Lobbyisten aus der Verwaltungssoftware-Industrie das Blaue vom Himmel versprechen zu lassen.

Bleiben noch die Initiativen, die sich auf kommunaler und Landesebene ganz losgelöst mit Open Data beschäftigen. In vielen mir bekannten Fällen wird einfach mal ausprobiert, was geht und wo es Grenzen und rechtliche Graubereiche gibt, teilweise mit sehenswerten Ergebnissen. So und nicht anders müssen letztendlich die Erfahrungen gemacht werden, die nötig sind, und zwar von allen Seiten - sei es in der Verwaltung, der Politik, den Aktivisten aber auch z.B. den Journalisten. Und hier muss auch die Möglichkeit geschaffen werden, dass Fehler gemacht werden können, ohne dass es gleich finanziellen Druck gibt und die Dinge einfach funktionieren müssen. Ausserdem muss ein gewisser Bedarf konkret aus der Community kommen, also Leuten, die am Ende Code bereitstellen und nicht nur darüber reden. So richtig weit voran bringen können das Thema vor allem Crowdsourcing-Projekte, die im allerbesten Fall dafür sorgen, dass die Verwaltung auch einen Nutzen sieht und somit der nötige Kulturwechsel beschleunigt wird. Und hier setzt aus meiner Sicht die Forderung nach Förderung am Stärksten an: Ich sähe es gerne, wenn z.B. schon in Schulen darüber diskutiert wird - sei es durch Darstellung von Umweltmeßdaten auf Maps oder anderen Anwendungen, die Schülern zeigen, was es für Möglichkeiten gibt, selbst Hand an Daten und Visualisierung zu legen (was ich übrigens auch als ein mögliches, schönes Projekt für “Chaos macht Schule” sehe).

Meine Befürchtung ist aber, dass Verwaltungen sich wieder Software andrehen lassen, die genau nur den Teil der Aufgaben erfüllt für die sie angeschafft wird und dann für weitere Anforderungen immer weitere Gelder fliessen müssen. Wenn also mit halbgewalkten und nur wenig weit gedachten Konzepten jetzt angefangen wird, Open Data-Prinzipien auf breiter Ebene zu beachten und entsprechend in Software zu giessen, so wird es früher oder später zu großen Problemen führen - spätestens genau dann, wenn die nächste Verwaltungsreform zur Modernisierung ansteht oder sich gesetzliche Vorgaben endlich mal festigen sollten. Es ist also nicht zuletzt im Hinblick auf die Haushalte der Kommunen angeraten, hier etwas vorsichtiger zu sein und sich imbesten Falle Projekte zu suchen, für die es in der Öffentlichkeit Partner gibt.

Ich möchte noch mal deutlich machen, dass ich den Wettbewerb in dem Kontext gut und richtig finde. Ich stelle fest, dass viel mehr passiert, als ich vorher erwartet habe und schon einige sehr interessante Daten und Projekte sehe, die für einiges Erstaunen und auch Schmunzeln sorgen könnten - und das mit einem Finanzrahmen, der niemandem wehtut.

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Schweinderl